
Wer kennt es nicht aus seiner Schulzeit: das Poesiealbum. Seine Seiten – sorgfältig und liebevoll gestaltet mit guten Wünschen, romantischen Reimen, kunstvollen Zeichnungen, Malereien und eingeklebten Bildchen – zeugen von gegenseitiger Freundschaft, Wertschätzung und Zuneigung.
Unser Album stammt aus dem dritten Viertel des 19. Jahrhunderts und gehörte Carl Habich-Dietschy (1845–1928), dem späteren Besitzer der Brauerei Salmenbräu und ersten Präsidenten der Historischen Sammlung in Rheinfelden. Sein Grossvater Josef Fidel Stigler-Morgenstern (1792–1865) schenkte es dem zwölfjährigen Carl nach der Rückkehr seiner Familie aus dem amerikanischen Exil nach Deutschland im Mai 1858. Der junge Carl liess seine Freunde und Angehörigen als Zeichen ihrer Freundschaft mit handschriftlichen Texten, oft in Versform und mit Bildmaterial illustriert, in das querformatige Büchlein verewigen. Wir finden Freundschaftsbekundungen von Mitgliedern der Familie Stigler oder Freunden aus der gemeinsamen Schulzeit m Institut La Châtelaine bei Genf.
Auch Sophie Stigler, ihrem Namen nach eine Verwandte mütterlichseits, widmete Carl im November 1858 ein Gedicht – nämlich Das Meer des Lebens von Christian Lewalter (1825–1874). Sie schliesst ihren Eintrag mit persönlichen Worten: "Mag die schönste Zukunft sich Dir lieber, guter Karl entfalten! u. wirst Du mir ein freundliches Andenken halten, ist mein […] Wunsch u. innigste Bitte erfüllt! / Auf ein glücklich-frohes Wiedersehen freut sich Deine Dich herzlichst liebende Sophie." Eine Lithografie mit der Ansicht des Badenweilerschen Conversationshauses und Römerbades rundet Sophie Stieglers Eintrag bildlich ab.
Der Brauch, solche Büchlein zu führen, stammt aus dem 16. Jahrhundert: Als Stammbuch (lateinisch: Album Amicorum) wurden sie ursprünglich von Studenten für das Autograph ihrer berühmten Lehrer genutzt. Auch Empfehlungsschreiben der Professoren und weiteren wichtigen Persönlichkeiten wurden darin gesammelt. Mit der Zeit entstand die Tradition, auch Gedichte, literarische Zitate, Zeichnungen oder Scherenschnitte als Erinnerungen an befreundete Kommilitonen in den Stammbüchern zu hinterlassen. Im 18. Jahrhundert veränderte sich dieser Brauch, und es gewannen neben den Sinnsprüchen ebenso Widmungen und Zeichnungen an Beliebtheit.
Das Poesiealbum – so wie wir es heute kennen und Carl Habich-Dietschy pflegte – entwickelte sich zwischen 1830 und 1850, als das Stammbuch bei den Studenten ausser Mode geriet: Mädchen und junge Frauen entdeckten das Album Amicorum und formten es zum Erninnerungsbuch, in dem sie es mit Stickereien, Trockenblumen, geflochtenen Haarsträhnen oder ausgeschnittene Zeichnungen füllten – das Poesiealbum ward geboren! Irgendwann in den 1990er-Jahren wurde dann das Poesiealbum vom Freundebuch mit der vorgegebenen Seitengestaltung und den zu beantwortenden Fragenkatalog abgelöst – aber dies ist eine andere Geschichte.
Von 1858 bis 1860
Familienarchiv Habich